Historischer Wagen Typus "Kalesche"

Wie immer erfolgte bei uns erst die Recherche:

Im Zuge der Recherche fanden verschiedene Publikationen den Weg zu uns

Weitere gute Quellen sind Kutschenmuseen -> hier eine Liste

Eingegrenzt wurden die Typen Münsterländer Kirchwagen, Landratswagen oder auch eine Version einer Kalesche.

Als Kalesche wurde ursprünglich ein einspänniger Reisewagen mit vier Sitzen bezeichnet; später wurden Kaleschen auch zwei- und vierspännig gefahren.

Verschiedene Lexika bezeichnen eine  Kalesche als eleganten leichten offener Wagen, in der Regel viersitzig mit abnehmbarem Verdeck der mittleren Gesellschaftsschicht im 19./20. Jahrhundert

Beschrieben werden dabei unter anderem bequeme gepolsterte Sitze, in der Regel verspielte Beschläge, ein Farbanstrich und ein besonderer Kutschbock der abgeklappt werden kann und so die Kutsche zu einem Selbstfahrer macht. Außerdem ist die Kutsche auf einem halboffenen Rahmen aufgebaut anstatt üblicherweise auf einem geschlossenen Rahmen

Unser Häufchen Elend weist damit einige Merkmale eine Kalesche auf, dennoch sind wir nicht sicher hier tatsächlich eine Art Kalesche vor uns zu haben. Die Zerlegung der Holzteile sollte es ersichtlich machen, ob es sich hier um einen geschlossenen oder halboffenen Rahmen handelt.

Bleibt also noch die Typbezeichnung Münsterländer Kirchwagen oder Landratswagen.
Auch diese Typen wiesen in der Regel Verdeck, bequeme gepolsterte Sitze und zum Teil auch abnehmbare Kutschböcke auf.

Allen drei Bezeichnungen ist wohl gemeinsam, dass damit eigentlich ähnliche Typen gemeint sind die regional einfach nur anders benannt wurden.

Da uns dies nicht reichte für eine Altersbestimmung, ließen wir einen Historiker/Restaurator die verwendeten Materialien bestimmen. Dies ergab am 04.08.2012 folgendes:

Aufgrund der Bauweise (verwendete Polsternägel und Material wie Stoff, Leder, Aufbau der Polsterung  - es waren noch genügend Reste für eine Bestimmung vorhanden - sowie Beschläge und massives Eichenholz) läßt sich die Kutsche auf die Zeit ca. 1900-1920 datieren. Die Bauweise entspricht eines in dieser Zeit häufig hergestellten Typus (also eine Art “VW-Käfer” der Kutschen) der regional verschieden, wie schon oben recherchiert, benannt wurde und in der mittleren Gesellschaftsschicht Verwendung fand.

immer noch erkennt man die schlichte Schönheit, die sie einmal gewesen war

auf den solide geschmiedeten Aufnahmen über den Blattfedern fand wohl einmal ein “Transportkorb” seinen Platz Von den Sprungfedern und den Sitzpolstern mit Stoffbezug ist nichts mehr übrig. Im “Kutschabteil” saßen vier Personen vis-a-vis, wobei die Reste jedoch darauf schließen lassen, das die Bank hinter dem Kutschbock nicht so aufwendig gepolstert war. Der Innenraum war mit Leder verkleidet - auch davon fanden sich nur noch erbärmliche vermoderte Reste.

Der wohl abnehmbare Kutschbock ist nicht mehr existent - es finden sich aber Aufnahmen für einen Kutschbock ggf. einen der sich auch einklappen ließ

Überall finden sich schlichte verspielte Details - wie hier der Peitschenhalter, Drehkurbelknopf, Türöffner und Beschläge

Alles Holz ist jedoch vermodert oder vom Wurm zerfressen

über dem Drehkranz fehlt der Bock

Schmiedehandwerk des 19/20 Jahrhunderts

die traurigen Reste der Zugvorrichtung, doch noch deutlich zu erkennen die Liebe zum Schmiedehandwerk im schlichten funktionalen Detail

28.07.2012

Zerlegung des Wagens

an allen Ecken und Kanten findet sich solides Schreiner- und Schlosserhandwerk. Alles war mal sauber und ordentlich verbunden - nicht einfach nur zusammengenagelt oder geschraubt

 

trotz zentimeterdickem Massivholz ... jahrzehntelang der Witterung ausgesetzt ... da bleibt nicht mehr viel mehr zu tun, als alles zu vermessen, technische Zeichnungen zu erstellen und das Holz dem Zyklus der Natur zurückzugeben

Erster greifbarer Hinweis auf Baujahr und Hersteller sind vielleicht die signierten Achsen mit Seriennummer Die Firma Carl Wolf, Rossweiner Achsen-Federn-Fabrik und Gesenkschmiede datiert 1855 - 1951 im Staatsarchiv Leipzig. Am 1. Januar 1951 wurde die Firma Carl Wolf mit der ebenfalls in Rosswein ansässigen Firma Kadner & Co. zur VEB Rossweiner Achsen-, Federn-  und Schmiedewerke Hermann Matern vereinigt.

Demnach dürfen wir davon ausgehen, dass die Kutsche vor 1951 entstand, denn die Achsen stammen noch von der Firma Carl Wolf und nicht der VEB. Aufgrund des gefundenen Zollgewindes an der Achse dürfte die Schätzung des Restaurators mit Anfang 19 Jahrhunderts ebenfalls zutreffen. 1872 wurde das Metrische System in Deutschland gesetzlich vorgschrieben, dennoch dauerte es noch mehr als 2 Jahrzehnte bis es sich flächendeckend durchsetzte.

Interessant sicherlich auch die Lösung der Radsicherung auf der Achse:

links im Bild Sitz der Radnabe, folgend die Führung für die Kegelbuchse, danach folgt eine Bundmutter mit zölligem Rechtsgewinde, gesichert wird das ganze mit einer kleineren Bundmutter mit zölligem Linksgewinde und damit auch wirklich alles hält -> noch ein Splint

Diese Radnabe hielt gerade noch im markierten Bereich und natürlich durch die Eisenringe drumrum - von außen schien sie völlig intakt .....

nun versteht man warum es in der Vergangenheit so viele Radbrüche gab

Das wars vorerst ... nur noch die Federpakete von den Achsen nehmen... den jetzt sichtbar eingehangenen “Kutschkorb” klassifiziert diesen Typus in Richtung Kalesche. Um hier einfacher später nachbauen zu können wird der “Korb” am Stück eingelagert. 

Je weiter wir ihn auseinander nahmen und je mehr hochwertige handwerkliche Details (ich spreche nicht von schönen künstlerischen Details - das war eher den gehobenen Gesellschaftsschichten vorbehalten, die über genügend finanzielle Mittel verfügten sich einen Oberklassewagen zuzulegen - sondern von dem grundsoliden Aufbau im Sinne eines VW Käfers unter den Kutschen der damaligen Zeit) sichtbar wurden, desto größer unser Wunsch diese Kutsche einmal genauso wieder aufzubauen. Das wird jedoch vor allem ein zeitliches Problem darstellen.

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